Ivan Dimov: Mein Leben als Mönch I

Mein Leben als Mönch

Nachdem meine Frau nun so viel vom Buddhismus geschwärmt hat, dachte ich, ich probiere es mal aus – das Leben im buddhistischen Kloster. Unter der Rubrik: Individuelles Wochenende mit vegetarischer Vollpension. Yoga machen, Meditieren, einfach Sein. Von Freitag bis Sonntag. Hörte sich gut an.

Mein Freund O. (ein Arzt) war ebenfalls Feuer und Flamme, wollte er das doch schon immer mal ausprobieren. Also reservierten wir uns ein Doppelzimmer. Das Kloster – vietnamesisch. Irgendwo in Hessen.
Irgendwo im Nirgendwo.
Zunächst keine Reaktion auf unsere E-Mail-Anfrage. Dann aber kurzfristig doch die Zusage (Zeit ist relativ, wenn man in einem Kloster lebt). Wir wurden als würdig befunden, ins Kloster einzuchecken. Ich machte mich auf jede Menge Kalauer in Bezug auf meine „passende“ Frisur gefasst und betrachtete dies als erste Prüfung. Außerdem nahm ich mir vor, eine Art Reisetagebuch zu schreiben auf meinem Weg zum ZEN.
Und hier ist es:

Freitag  - Tag der Anreise

Da mein Freund O. erst am späten Nachmittag Feierabend machen kann, male ich bis dahin noch. Dann hole ich die Kinder von der Kita ab. Ein normaler Tag bis jetzt. O. verspätet sich etwas, ich werde langsam nervös. Endlich kommt er und ich dränge zum Aufbruch, küsse meine Frau und die Kinder (die seit Tagen sagen: „Papa geht meditieren!“ und ihre kleinen Händchen falten, während sie sich verbeugen) und stürze mich ins Abenteuer…

Wir landen im freitäglichen Feierabendverkehr. Nichts geht mehr. Nach einer Stunde sind wir gerade mal aus Köln raus. Wir bleiben gelassen und versichern einander immer wieder, dass das ja nicht weiter schlimm wäre. In immer kürzeren Abständen…
Endlich fließt es. Wir reden, lachen, fragen uns, wann wir endlich im Kloster ankommen. Zwischendurch jede Menge Baustellen. Ich habe tierischen Hunger. Ob wir im Kloster noch etwas zum Abendessen bekommen? Eine Stunde später frage ich O., ob wir überhaupt noch ins Kloster reinkommen, wenn wir so spät dort auftauchen. O. muss lachen. Das sei doch keine Männerpension. Doch dann wird er plötzlich nervös und ruft lieber mal an. Essen nur von 18 bis 19 Uhr. Die Türen sind ab 22 Uhr geschlossen. Also doch!
O. drückt aufs Gaspedal.

20.30 Uhr – nur noch ein paar Kilometer. Die Straße, die wir suchen heißt „Außerhalb“ und wird von keinem Navi erfasst. Das gefällt mir. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Serpentinen durch kleine Bergdörfer. O. rast wie ein Bekloppter, das ist sonst gar nicht seine Art. Mir wird leicht übel. Ich frage ihn, was los ist. Er muss pinkeln. Dringend! Wir passieren den NETTO von der Wegbeschreibung, jetzt nur noch 900 Meter. Und richtig, auf der rechten Seite das Schild: Buddhas Weg. Direkt daneben ein anderes Schild: Biergarten geöffnet! O. freut sich. Diese Mönche sind ja echt sympathisch!
Neben dem verlassen wirkenden Biergarten gibt es einen Minigolfplatz. Hmm. Sehr weltlich. Wenn das mit dem Meditieren nicht klappt, wird uns wenigstens nicht langweilig.

Wir biegen ab, parken, sehen direkt das Kloster, ein einfacher, nichtssagender Bau. Naja, ok, wir sind ja nicht in Vietnam, sondern in Hessen. Ein Mann empfängt uns an der Tür, ordentlicher Wams, ordentlicher Schnäuzer, freundlich. Er bittet uns herein. O. und ich sehen uns an: Sehr nette Gäste hier. Wir fühlen uns sofort wohl. Eine kleine, dralle Frau kommt rausgerannt. Auch sie heißt uns herzlich willkommen. O. fragt nach den Zimmern etc. In dem Moment fällt mir auf, dass im Kloster ziemlich laute Musik läuft. Seltsam. Eine kurze verwirrte Pause. Dann klärt sich die Lage. Nein, das hier sei das hiesige Schützenheim, das Kloster sei aber direkt vor unserer Nase. O. und ich folgen den ausgestreckten Zeigefingern der beiden und blicken auf eine kleine Holzhütte. Okay. Wenigstens wirkt sie einigermaßen vietnamesisch. Erneute Pause. Dann ich: Wie? Das da? Ist aber ziemlich klein, oder? Die beiden Hessen bleiben gelassen, nein, das sei die Grillhütte! Weiter links.

O. und ich unterdrücken ein Kichern, bedanken uns und steigen wieder ins Auto. Wir fahren ein Stück weiter links den Berg hoch und endlich sehen wir es. Es sieht aus wie eine ehemalige Reha-Klinik. Ist es wahrscheinlich auch. Ich bin ein bisschen enttäuscht, oder ist es einfach nur der Hunger?
Wir parken, schnappen unsere Taschen. In O.’s Tasche klackert es verdächtig. Er zuckt die Achseln – nur ’n bisschen Wein für heute Abend. Zum Eingewöhnen! Ich sage nichts.

Schlüssel liegen in einem Umschlag mit Anweisungen in Bezug auf die Achtsamkeitsregeln des Klosters. Wir eilen nach oben, nehmen unser Zimmer in Beschlag (es riecht muffig, der Teppich hat seinen Zenit schon lange überschritten, aber es wirkt sauber). Ok. Jetzt erst noch schnell was essen gehen. Uns wird der Goldene Bock im Dorf unten empfohlen. Erst mal ein Pils. Dann noch eins. Gut gegen die Übelkeit. Das Essen ist grauenhaft. Irgendwelche mehligen Fertigsaucen. Aber wir beschweren uns nicht. Der Name des Etablissements ließ selbiges erahnen. Wir essen hastig auf, die Zeit drängt. Jetzt schnell zurück ins Kloster, bevor die Türen schließen. Die gemeinsame abendliche Meditation ist leider schon vorbei.
Verdammt!

Wir gehen aufs Zimmer. Rauchen und trinken sind verboten im Kloster – so sagen es die Achtsamkeitsregeln. O. packt den Wein aus. Der Tag heute ist eh schon gelaufen! Wir fragen uns, ob wir es morgen um 5.30 Uhr zur morgendlichen Meditation schaffen und sind uns schnell einig: Das machen wir Sonntag!

Dann Licht aus. Die Bettdecke besteht aus irgendeinem furchtbaren Kunststoff und ist total warm. Ich bin dankbar. Draußen ist es schweinekalt. Auch der Sommer 2011 ist eine Prüfung.

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