Ivan Dimov: Originale

kreative fragen…

Die Essenz des Originals.

Letztens las ich einen Artikel über einen Forscher, der sich mit Originalen beschäftigt und der Tatsache, dass wir Menschen ein Original immer mehr wertschätzen als eine Fälschung, auch wenn diese perfekt und im Grunde vom Original nicht zu unterscheiden ist.

Ivan Dimov
Ivan Dimov

Das, so der Psychologe, liege daran, dass wir Menschen darauf geeicht sind, nicht nur die Oberfläche der Dinge zu betrachten, sondern immer auch daran interessiert sind, tiefer zu schauen.

Es reicht uns nicht, unsere fünf Sinne zu benutzen, wir wollen mehr. Wir suchen nach der Essenz der Dinge. Und es ist eben diese Essenz, die sie letztlich zu dem macht, was sie sind.

(Das gleiche gilt im Übrigen für Menschen, aber das ist natürlich wesentlich leichter zu begreifen.)

Um das mal näher zu erläutern:  Wenn wir ein Gemälde vor Augen haben, dann reagieren wir nicht nur auf die Farben, die Ausführung, das Motiv usw., nein, es ist noch viel mehr, das uns beeinflusst: Wer hat es gemalt, was hat sich der Künstler dabei gedacht, was hat er empfunden, wer war er, welche Bedeutung hat er im Laufe der Jahre erlangt usw.

Es geht also um den ideellen Wert, der dem Gemälde innewohnt. Das ist der Grund, warum ein Original immer wertvoller für uns sein wird als eine Fälschung, selbst wenn diese äußerlich nicht zu unterscheiden sind.

Wie wir etwas wahrnehmen, hängt also davon ab, wie wir darüber denken und wie wir dazu stehen. Wenn wir z. B. Wasser aus dem Kran trinken und glauben, es käme aus einer Bergquelle, dann werden wir das Wasser anders bewerten, als wenn wir wüssten, dass es „Kraneburger“ ist. Es wird uns besser schmecken und im Zweifel auch besser tun. Kraft unserer Gedanken!

Diese essenzialistische Neigung scheint uns angeboren zu sein. Schon bei Kindern ist das Bedürfnis, tiefer zu blicken, zu beobachten. Wenn man ihnen anbieten würde, ihr über alles geliebtes Kuscheltier, das vielleicht schon etwas angeschlagen ist, gegen das absolut gleiche, aber dafür fabrikneue Kuscheltier einzutauschen, dann würden sie dies brüsk ablehnen.

Schon Kinder wollen wissen: Woher kommt etwas? Wer oder was ist es wirklich? Was steckt dahinter? Welche Aspekte genau uns dabei wichtig sind, das ist dann von Kultur zu Kultur verschieden, hat also gesellschaftliche Hintergründe.

Dieser Sinn für Essenz ist es demnach auch, der den Preis eines Kunstwerkes in schwindelerregende Höhen katapultiert. Um es mal polemisch zu formulieren, handelt es sich bei einem Kunstwerk ja im Grunde um ein Objekt ohne jedweden materiellen Nutzen.

Gerade in einer Zeit wie der unsrigen ist es doch mehr als verwunderlich, dass Menschen mehr denn je für die Kunst ausgeben. Aber was sie bezahlen, ist nicht, das Ding an sich, losgelöst von allem anderen, was sie bezahlen, ist die Geschichte des Bildes, das Drumherum – also im Grunde seinen Ursprung, in des Wortes Sinne (origin ist Englisch für Ursprung). Und das scheint in keinem materiellen Wert messbar zu sein, es ist manchmal schlicht unbezahlbar.

Fairerweise muss man sagen, dass in dem Artikel auch stand, dass die Menschen natürlich auch für ein Hemd von Brad Pitt Unsummen ausgeben würden – allerdings nur dann, wenn es vorher nicht gewaschen wurde. Irgendwie scheint tief in uns der Gedanke verankert zu sein, dass so ein Teil der Essenz des vorherigen Trägers auf uns übergeht.

Dieser Glaube ist uralt. Man denke nur an die Völker, die Stierhoden verzehren, um ihre Manneskraft zu steigern. Aber offensichtlich glauben wir alle daran. Wir alle sind auf der Suche nach der Essenz, der Geschichte dahinter, der magischen Kraft, wenn wir so wollen.

Wenn wir als Künstler also auf der Suche nach unserem eigenen Stil sind, unseren eigenen Weg finden müssen, um wirklich gut zu sein, um wirklich Kunst machen zu können und nicht bloße Epigone sein wollen, dann scheint dieses Bedürfnis ganz tief in uns verankert zu sein.

In uns genauso wie in den Menschen, die unsere Kunst erwerben. Unsere Kunst hat nur dann wirklich Wert, wenn sie originär ist. Weil sie nur dann ein Stück von uns selbst ist.

Nichts spricht dagegen, zu kopieren, um zu lernen, um zu hoffen, dass ein Stück der Essenz des Künstlers auf uns übergeht, dessen Werk wir kopieren, aber dann, irgendwann, muss es soweit sein.

Dann müssen wir es schaffen, unsere eigene Essenz in ein Werk fließen zu lassen.
Dann erschaffen wir das Original.

Ich freu mich darauf.

Bis bald in der Malschule — Ivan

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