Ivan Dimov: Recherche im eigenen Selbst

kreative fragen…

Recherche im eigenen Selbst.

Wenn man Autoren und solche befragt, die mit ihnen zusammenarbeiten (Verleger, Produzenten, Agenten usw.), worüber ein angehender Schriftsteller oder Drehbuchautor schreiben sollte, dann hört man häufig die vielbeschworene Antwort, dass er über das schreiben soll, was er kennt. Denn andernfalls wäre es unglaubwürdig, nicht authentisch und somit fragwürdig.

Ivan Dimov
Ivan Dimov

Nun, ich persönlich glaube, dass das Schwachsinn ist. Oder, um es weniger polemisch auszudrücken, ich denke, dass es sehr wohl Menschen gibt, die künstlerisch arbeiten (malen, komponieren, schreiben) und genau das brauchen, um kreativ zu sein.

Sie müssen das Gefühl haben, die Dinge genau zu kennen, aus ihrer Erfahrung heraus. Und Erfahrung bedeutet in dem Fall für sie, selbst dort gewesen zu sein, es selbst erlebt, angefasst, gesehen zu haben.

Wir kennen alle die akribisch recherchierten Romane, in denen jede Straßenecke, jede Blume, jeder Geruch genauestens wiedergegeben wird. Die Bilder von Canaletto fallen mir in diesem Zusammenhang ein. Ein fantastisches und bewundernswertes Werk. Wirklich.

Aber ist es unbedingt nötig? Nein, auf keinen Fall. Ich glaube, dss es reicht, uns von der Vorstellung von etwas oder jemandem führen zu lassen.

Ich glaube, dass es reicht, wenn wir den Menschen genau zuhören, empathisch sind, unsere Fantasie spielen lassen und Orte so beschreiben, wie wir glauben, dass sie sind.

Wie wir sie vielleicht gerne hätten. Und da kommt es auch immer drauf an, was wir in ihnen erzählen wollen. Berlin kann eine aufregende, anregende, pulsierende Stadt sein, wenn wir darin einen jungen Künstler schildern, der in das Leben eintaucht und zu einem Superstar im Kunstbetrieb wird. Sie kann aber auch eine kalte, unfreundliche, feindselige, graue Stadt sein, die einen vereinsamen lässt, wenn wir meinetwegen einen jungen Immigranten beschreiben, der verzweifelt versucht, Fuß zu fassen, scheitert und sich am Ende das Leben nimmt. Beides stimmt. Beides ist möglich und beides ist Berlin.

Ich glaube, dass wir alle durch unser Unterbewusstsein mit den Dingen verwoben sind und deswegen auch Kenntnis von den Dingen haben, die wir allgemeinhin als Seele oder Wesen beschreiben.

Der Psychiater und Schriftsteller Ernst Augustin hat ein Buch geschrieben, das in Amsterdam spielt und ins Niederländische übersetzt wurde, weil es das „Wesen“ Amsterdams so toll eingefangen hat. Augustin selbst ist allerdings nie in Amsterdam gewesen. In einem anderen Buch schreibt der Autor über Pferde und hat tonnenweise Briefe von Pferdeliebhabern bekommen, weil er die Seele der Pferde so treffend beschrieb.

Er selbst hat allerdings noch nie Pferde beobachtet oder studiert. Er hat einfach geschrieben, was er glaubte und wollte, dass die Pferde sind.

Alles ist letztlich mit allem verbunden. Wenn wir nur das in unsere Kreativität einfließen lassen, das wir glauben gut genug zu kennen, dann beschränken wir uns selbst viel zu sehr. Es hätte niemals all die tollen Fantasy- und Science Fiction Werke gegeben, wenn die Menschen nur das beschrieben, was sie aus eigener Erfahrung kennen. Oder vielmehr, um mir nicht selbst zu widersprechen, ist es ja genau das, was sie aus eigener Erfahrung kennen, nur dass man hier den Begriff Erfahrung weiter und tiefer fassen sollte, als man es gemeinhin tut.

Alles ist bereits in uns drin. Wir können aus einem unendlichen Fundus schöpfen, der uns zur Verfügung steht. Es ist nicht immer alles sofort präsent, manchmal braucht man Hilfsmittel, um die Türen und Fenster zu öffnen, aber es ist dennoch da. Welche Hilfsmittel man braucht, muss man allerdings selber herausfinden. Es sind nicht immer die Gleichen, nach Manchen sucht man ewig, Einige fallen einem überraschend in den Schoß.

Also bleibt aufmerksam! Und verpasst nicht aus Versehen, eine abenteuerliche Reise in euch selbst.

Bis bald — Ivan.

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