Kreative Fragen: Die Entdeckung der Zeitlichkeit

Ivan Dimov: Die Entdeckung der Zeitlichkeit

Die Zeit ist etwas schlüpfriges, kaum zu fassendes und höchst subjektives. Ja, ja, man kann sie messen und so weiter, aber darum geht es mir hier nicht. Zeit ist kostbar – wir alle wissen das, aber sie ist auch dehnbar und verkürzbar. Wer es sich angetan hat, Thomas Manns „Zauberberg“ gelesen zu haben, der weiß, wovon ich spreche (ich gebe zu, ich habe es angefangen, aber nicht geschafft und es mir dann von meiner Frau, ihres Zeichens Germanistin,  erzählen lassen, denn als Normalsterblicher muss man sich da nicht durchfräsen, denke ich).

Nur ganz kurz zum Inhalt: Ein junger Mann, Hans Castorp, besucht seinen Cousin in einem Sanatorium in Davos, in dem sich an Tuberkulose Erkrankte, meist dem Tode Geweihte, erholen sollen. Der Tagesablauf ist der immer gleiche. Essen, draußen die gute Luft einatmen, gesellschaftliches Beisammensein etc. Alles ist geregelt. Anfangs erscheint unserem guten Hans die Zeit ewig lang, er muss sich zunächst an den Tagesablauf gewöhnen, sobald dieses passiert ist, rast die Zeit nur so dahin – und am Ende werden es sieben Jahre, die er dort verbringt. Natürlich passiert noch so einiges mehr in diesem Werk und es ist in der Tat auch sehr ausführlich geschrieben, aber im Grunde läuft es darauf hinaus (alle Literaturwissenschaftler werden mich vor Empörung kreuzigen, aber damit kann ich leben).

Uns geht es ähnlich, wenn wir in eine neue Stadt kommen, unseren Tagesablauf ändern, Urlaub haben usw. Sobald der Rhythmus des ewig Gleichen gestört ist, dehnt sich unser subjektives Zeitempfinden. Der Tag hat 24 Stunden, die einem wie drei vorkommen können oder wie eine ganze Woche. Besonders als Kind hatte ich den Eindruck, dass drei Tage auf etwas zu warten, nahezu unmöglich erschien und ich es kaum würde aushalten können. Und jetzt weiß ich, dass beim ersten Erscheinen von Lebkuchen im Supermarkt (ungefähr jetzt Anfang September) übermorgen Weihnachten ist und das Jahr, das vorgestern erst begonnen hat, schon wieder vorbei ist. Anders ist das, wenn man z.B. auf ein Prüfungsergebnis, eine Diagnose, die Rückkehr eines geliebten Menschen wartet. Dann tröpfelt die Zeit dahin, so zäh und sämig und gemein langsam als wäre sie zu ausgelaugt zum Vergehen.

Die Zeit ist nicht zu unterschätzen. Wer von euch ein Navi hat, der sollte sich selbst mal dabei beobachten, wie nervös es einen machte, wenn das Navi z.B. drei Stunden Fahrtzeit anzeigt und man die erste Stunde nur Baustellen auf der Autobahn hat, sodass es nach einer Stunde Fahrt immer noch zwei Stunden 50 Minuten anzeigt. Man wird das Gefühl nicht los, Zeit verloren zu haben, die man schleunigst versucht, wieder aufzuholen. Vor dem Zeitalter der Navigationsgeräte war einem das viel weniger bewusst. Überhaupt hat man herausgefunden, dass die Menschen das Gefühl haben, immer weniger Zeit zu haben je mehr technische Geräte sie besitzen, die ihnen dabei helfen sollen, Zeit zu sparen. Ein Paradox, das erschreckt.

Warum ich das alles erwähne? Weil ich möchte, dass ihr mal überlegt, wie oft ihr die Ausrede „keine Zeit“ benutzt, wenn ihr anderen und auch euch selbst erklären müsst, warum ihr -mal wieder- nicht kreativ wart. Der Schriftsteller Jonathan Franzen hat gesagt, als man ihn nach einem Rat für angehende Autoren fragte, man solle unbedingt auf einem Computer ohne Internetzugang schreiben. Ein kluger Mann. Verliert man sich in den Weiten des Internets, sind im Rubbedidupp zwei Stunden einfach weg. Zwei Stunden, in denen ihr malen, euch Gedanken machen und neue Projekte ersinnen könntet. (Natürlich kann man dafür auch das Internet nutzen, aber wie schnell war man dann noch eben mal bei Facebook, bei Amazon, hat E-Mails gecheckt etc.) Wenn man also weiß, dass Zeit dehnbar, formbar und heimtückisch sein kann, dann geht man bewusster mit ihr um und schafft es vielleicht, sie sich zum Freund zu machen und nicht zum Gegner.

Damit will ich nicht sagen, dass es schlecht ist, wenn Zeit zu verfliegen scheint, im Gegenteil, denn genau das passiert, wenn man einen Flow erlebt und es gibt kaum etwas Schöneres als das. Aber es ist doch besser, wenn die Zeit bei etwas rast, das wunderbar und bereichernd ist, als bei etwas, das einfach nur der alltägliche Ablauf und deswegen nicht weiter erwähnenswert ist. Bzw. – macht dieses Alltägliche zu etwas Erwähnenswertem, indem ihr es bewusst erlebt und später, wie auch immer geartet, in eure Arbeiten mit einfließen lasst. Beobachtet die Menschen, die hinter euch im Auto sitzen, während ihr an einer Ampel wartet. Das kleine Kind, das seine Mutter an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, weil es lieber die kleine Ameise auf den Finger krabbeln lassen will, anstatt zügig auf die andere Straßenseite zu wechseln.

Ihr wisst, was ich meine! Nutzt die Zeit zum Kreativsein, oder einfach nur zum Sein, denn ansonsten benutzt sie euch!

Bis bald in der Malschule — Ivan

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