Schaue endlich richtig hin

Seit etwas mehr als zwei Monaten besuche ich nun die Malschule – eigentlich eine kurze Zeit. Wenn man meine Bilder der letzten Wochen betrachtet, habe ich nach außen hin nur spärliche Fortschritte gemacht. Aber wenn ihr bloß einen Blick in meinen Kopf werfen könntet! Die Kunst hat für mich eine völlig neue Präsenz. Ich nehme sie anders wahr. Ich nehme alles anders wahr. Ich schaue endlich richtig hin.

Christina, Landschaft
Christina, Landschaft

Als ich mich in der Malschule angemeldet habe, war ich noch vollkommen orientierungslos und konnte zwischen Träumereien und realisierbaren Wünschen nicht so recht unterscheiden. Dirigentin, Sopranistin, Autorin, Pianistin, Schauspielerin, Komponistin – alles schien mir eine mögliche Zukunftsoption. Allein jeder dieser Wege wäre lang und schweißgetränkt geworden.

Am Ende war es die Kunst, die mein Leben eroberte. Und zwar ganz einfach deswegen, weil es ihr zu eigen ist, mir schon während des Lernens so viel zu geben, dass ich daraus wiederum die Kraft zum Weiterlernen schöpfe.

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Grundkurs-Malstunde – eine Landschaftsmalerei. Blauer Hintergrund, grüne Wiese und ein Baum. „Wie trivial!“ dachte ich übermütig, gehörte ich doch zu den Kindern, die von Eltern, Lehrern und Freunden nichts als Lob für ihre kreativen Versuche geerntet hatten. Der Übermut schwand schnell und wich Demut.

Mein Bild erinnerte mich anfangs vage an eines der Bilder, die noch immer am Küchenschrank meiner Oma hängen, und auf denen in krakeliger Schrift „Für Omi“ steht. Mein Bild hielt mir einen Spiegel vor. Ich konnte mir nicht länger etwas vormachen und musste der schlichten Wahrheit ins Auge sehen: Ich hatte mich überschätzt.

Wer von euch schon mal das Glück hatte, wirklich guten Philosophieunterricht zu genießen, hat sicher die Erfahrung gemacht, dass man in erster Linie lernt, wie man selber philosophiert und nicht wie man sich stupide das Wissen der Philosophen einprägt. So ist es auch, wenn man das Malen lernt:

Es geht nicht in erster Linie darum, perfekt malen zu können, sondern darum, wie ich individuell durch das Malen etwas lernen kann.

Ich bin gespannt, welchen Spiegel mir das nächste Bild vorhält.

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