Viktoria Lundgrün

Interview

Wenn man Viktoria beim Unterricht beobachtet, erlebt man wie  klare Präzision der Ansagen mit pädagogischer  Leichtigkeit  zusammentreffen. Konzentriert  widmet sie ihre Aufmerksamkeit jedem ihrer Schüler, ohne ihre Offenheit und fröhliche Art zu verstecken. Die Schüler profitieren von ihrer didaktischen Klarheit und ihrer  Sachkompetenz.

Die 38 Jährige ausgebildete Grafikdesignerin und Kunstpädagogin befasst sich neben dem pädagogischen Alltag auch mit  dem operativen Teil der Malschule, als Geschäftsführerin der Kölner Zentrale.

Daneben warten die eigene künstlerische Arbeit im Atelier, Buchprojekte und diverse graphische Gestaltungsaufgaben auf sie. Im folgenden  Gespräch versuche ich herauszufinden, wie Viktoria ihr Verhältnis zur Kunst und Ihre Rolle in der Kunstvermittlung definiert.


Liebe Viktoria, bei so einer Vielzahl verschiedenster Aufgaben da fragt man sich wieviel Erfahrung und  Arbeit darin steckt. Wann hast du bemerkt, dass du ein Bewusstsein für die Kunst entwickelst ? Und wann wurde daraus einekünstlerische Laufbahn?

Im Grunde war es eher eine klassische Annäherung. Als Kind habe ich sehr viel gezeichnet, sehr viel gemalt, stets angetrieben von dem Bedürfnis Dinge und Gegenstände besser zu erfassen, genauer, ausdrucksintensiver.

Mit 11 Jahren besuchte ich schliesslich die erste Kunstschule, damals lebte ich noch in Russland, und dort studierte ich anschließend Kunst. Mein damaliger Schwerpunkt war Druckgraphik, aber die Ausbildung, die nach klassischen Modellen konzipiert war  umfasste  fast alle künstlerischen Techniken. Meine Neugierde wuchs täglich und mit ihr der Drang sich weiterzuentwickeln.

Hast du noch Arbeiten aus der damaligen Zeit?

Leider kaum.

Und das Unterrichten- wie kam es dazu?

Ich habe recht früh damit angefangen. Zuerst arbeitete ich mit Kindern, es war ein gutes Gefühl  ihnen zu helfen die ersten Schritte zu setzen , und ich glaube, um ehrlich zu sein haben sie mich mit ihrer unmittelbaren Faszination  daran sich auszudrücken und der Freude  etwas Neues zu lernen, endgültig für die pädagogische Arbeit animiert.

Was konntest du durch diese Arbeit auf Jugendliche und Erwachsene übertragen?

Es waren zahlreiche  Erkenntnisse und Erinnerungen, die mich bei meiner Arbeit bis heute prägen und  inspirieren. Eine Erkenntnis  betrifft jedoch etwas  sehr Elementares.

Das klingt spannend – was war das für eine Erkenntnis?

Bei künstlerischen Auseinandersetzungen und damit zusammenhängenden schöpferischen Prozessen handelt es sich immer um etwas primär Subjektives. Diese subjektiven Empfindungen stehen manchmal bei Lernenden nicht unbedingt im Gleichklang mit ihren technischen Möglichkeiten.

Deswegen können am Anfang diese Ergebnisse zu Enttäuschungen führen, da muss an als Lehrkraft sensibilisiert sein und entsprechend reagieren und aufklären.

Doch das ist  nur ein  Aspekt, der andere ist, dass die Schüler als Individuen nach unterschiedlichen persönlichen Empfindungen und Impulsenhandeln, die man vielleicht selber ganz anders sieht.

Trotz unterschiedlicher Ansätze, versucht man den Schüler zu verstehen, um ihn in seinen persönlichen Prozessen so optimal wie möglich zu unterstützen. Da ist meinerseits Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit gefragt. Mit Ignoranz oder autoritären Verhaltensmustern kommt man da kein Stück weiter … und das weder bei Erwachsenen noch bei Kindern.

Du bist eine erfahrene Dozentin und hast mit deinen Fähigkeiten als Pädagogin und Künstlerin dir die Position der Fillialleiterin erarbeitet. Nun,das ist bestimmt eine zusätzliche Verantwortung bei einigen hundert Schülern und  einem 20 köpfigen Dozententeam.

Wie koordinierst Du sowiele Aufgaben?  Bleibt da noch  Zeit für die eigene künstlerische Arbeit?

Die Aufgabe der  Fillialleitung ist eine große Herausforderung. Selbstverständlich nimmt das viel  Zeit und  Energie in Anspruch. Ich hätte nie gedacht, wie riesig der Aufwand hinter den Kulissen ist. Glücklicherweise gibt es für einige Bereiche professionelle Hilfe.

Also ehrlich: Buchhaltung macht mich nicht glücklich. Aber wir sind eben eine nicht subventionierte Schule und auch stolz darauf und deswegen dem rauen Wind der Marktwirtschaft ausgesetzt. Das macht uns unabhängig, stark und zwingt uns ständig unser Bestes zu geben. Sollten wir mal in unserm Bemühen nachlassen, werden wir, ganz schnell verschwunden sein…zu Recht.

Dennoch,  hauptsächlich unterrichte ich am liebsten weiterhin- weil mich die pädagogische Arbeit mit jedem  einzelnen Schüler immer wieder auf´s neue fasziniert und fordert.  Und das natürlich nicht nur während des Unterrichts. Man beschäftigt sich mit den Zielen und Leistungen der Schüler auch außerhalb der Unterrichtszeiten, von daher ist es durchaus verständlich, dass Du mich nach dem Raum für die  eigene künstlerische Arbeit fragst.

Aber die Zeit muss man sich nehmen, und manchmal nimmt sie sich einen selber.

Ich male dann schnell, intuitiv, wie ferngesteuert.

Und woran  arbeitest du zu Zeit, welche Richtung hast du eingeschlagen, oder bist du bei deinem Studiem Schwerpunkt geblieben?

Der Schwerpunkt hat sich durch meine Arbeit im Studium in Düsseldorf ergeben. Ich habe ein Faible für alte japanische Märchen entdeckt,die ich mit modernen Mitteln der Graphik illustriere. Die würde ich auch gerne publizieren, doch für solche Nischenprodukte gibt es kaum einen Markt und deswegen auch nur ganz wenige Verlage.

Wenn ich male, dann häufig figürliche Motive nach Model, wo ich graphische Gegenständlichkeit und malerische Expression mische. Ich arbeite dann sehr rasch, großformatig und mit sehr unterschiedlichen Materialien.

Hat sich dieses Erfahrungspaket auch auf deine Arbeit als Lehrerin ausgewirkt?

Sicher. Es war mir zwar von Anfang an wichtig Techniken zu vermitteln, um meinen Schülern ein stabiles Grundgerüst zu vermitteln, aber und habe gerade durch das Studium und mein eigenes Arbeiten erkannt, wie wichtig Inspiration, Spontaneität und die eigene Sicht auf die Welt sind und wie schwierig das ist alle Anforderungen umzusetzen und den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Du hast dich nach dem Studium trotz deiner Leistungen und den dir offenstehenden Möglichkeiten weiterhin für die pädagogische Arbeit entschieden. Diese Tatsache spricht für sich und beweist dein starkes Engagement in dieser Aufgabe. Wenn man deine Schüler hört, kann man dir zu dieser Entscheidung nur gratulieren.

Welche wichtigen Erkenntnisse hast du aus der Arbeit mit deinen Schülern gewonnen?  Wie funktioniert ein Schüler-Lehrer Beziehung in der Malschule und wie gehst Du damit persönlich um?

Zunächst einmal erlebe ich jeden Tag, dass das Vorurteil, das Alter hätte was mit  Talent zu tun kompletter Unsinn ist.

Möchtest du damit vielleicht auf die frühkindliche Förderung in den MiniArt Kursen der Malschule hinweisen?

Ja natürlich, unsere jüngsten Schüler sind 3 Jahre alt…. .

Aber es ist mit fast noch wichtiger auf meine älteren Malschüler hinzuweisen, Menschen, die im Alter von 60, 70 Jahren zu uns kommen, und das erste mal professioneles arbeite erleben.  Ich habe eine Reihe von Schülern, die sich mit 60 Jahren zu einem Kunststudium entschieden haben und einen fantastischen Weg gemacht haben.

Was meinst du damit?

Ich meine damit, dass sie ihren künstlerischen Weg auch spät noch gefunden haben, sich teilweise einen Namen gemacht habe, und  ihr Alter, wenn überhaupt, dann noch eher dabei geholfen hat gelassener Probleme anzugehen und druckfreier zu arbeiten.

Schließlich haben die meisten doch schon ganz andere Dinge in ihrem Leben gestemmt und haben es sich nun verdient, selbst mehr im Mittelpunkt zu stehen und sich lang ersehnte Wünsche zu erfüllen.

Du unterrichtest in verschiedenen Kursen und begleitest ganz unterschiedliche Menschen bei ihren Lernprozessen manchmal über Jahre hinweg. Läßt der Unterricht noch Zeit und Raum, um Beziehungen wachsen zu lassen zwischen dir und deinen Schülern?

Das ist für jeden Dozenten ein wichtiges  Thema, denke ich.  Ob es die Schüler sind, die man engagiert über Jahre hinweg in ihrem künstlerischen Werdegang unterstützt und plötzlich einen Durchbruch bei Ihnen erlebt, oder die jungen Mappenschüler, die eher in kompakten Zeiträumen unglaublich intensiv an Ihren Konzepten arbeiten.

Man erfährt viel über ihre Persönlichkeit,indem man sie zu verstehen versucht und ebenso öffnet man sich in vielen Unterhaltungen. Man nimmt ihre verschiedenen persönlichen Stimmungen auf, um manchmal ist ein kleines Gespräch auch der richtige Weg um eine schöpferische  Blokade zu lösen.

Die Kölner Malschule wird von vielen Schülern über Jahre besucht.  Das Konzept läßt das nicht nur zu sondern fordert einen langen Lernprozess, wenn eine qualitative persönliche Ausdruckssprache entstehen soll.

Trotzdem verlassen über kurz oder lang die Schüler die Malschule.  Wie ist es für dich, einen Schüler zu verabschieden?

Es ist normal, dass Schüler uns verlassen, nachdem Sie das Gefühl haben weiterziehen zu müssen, oder um eine Pause einzulegen, oder weil Ihr Privat-oder Berufsleben Änderungen erfahren hat, die einen weiteren Besuch der Malschule nicht mehr zulassen.

Jedes mal rekapituliert man innerlich die Zusammenarbeit und bespricht in der Regel nochmal die Ergebnisse, bevor man Abschied nimmt. Gefühle wie Traurigkeit spielen da mal mehr mal weniger schon mit rein, besonders dann, wenn man lange und gut miteinander gearbeitet hat.

Aber das gilt für alle Lehrer dieser Welt. Oft sind die Gefühle aber auch positiver Natur, sodass  ich als Dozentin einfach nur Freude und Stolz empfinden kann.

Was wären das zum Beispiel für Gründe?

Zum Beipiel wenn ein Mappenschüler eine Aufnahmeprüfung an seiner Traumhochschule bestanden hat, freut man sich nicht nur über seinen Mappenerfolg, sondern ist auch glücklich darüber, ihm bei seinem beruflichen Werdegang unterstützt zu haben.

Du bist 38 Jahre jung und hast  enorm viel Erfahrung in der Vermittlung von künstlerischen Inhalten sicherlich gibt es viele Gedanken, die du tagtäglich mit Deinen Schülern teilst…
Welchen Erfahrungen begegnest du regelmäßig während du unterrichtest, und was denkst du darüber?

Ich kann immer wieder nur sagen, dass es meiner Erfahrung nach für jeden Schaffenden wichtig ist, sich die Angst vorm versagen und den dadurch entstehenden Druck  zu nehmen. Dabei hilft es, die eigene Entwicklung im Auge zu behalten und sich ruhig viel Freude und etwas Anerkennung zu gönnen. Und dann die Angst loszulassen sich selber zu korrigieren.

Sich selber zu korrigieren? In einer Malschule stellt man sich das eher als die Aufgabe der Dozenten vor.

Eben nicht ganz. Wir erklären, geben die nötigen Informationen und leiten an, helfen den Schülern die eigene Wahrnehmung  zu sensibilisieren und wichtig, zu  respektieren. Wir respektieren sie ja auch. Natürlich korrigieren wir oder geben Korrekturhinweise, diskutieren die Ansätze und versuchen das Interesse und die Energie für die Lösung eines Problems stets auf´s Neue zu wecken.

Aber ebenso, wie wir die Übung und Hingabe an die Kunst einem Schüler nicht abnehmen können, unterstützen wir ihn im Prozess  zu erkennen, wenn er in eine Richtung gelaufen ist, die ein Verlaufen bedeutet.

Selbstverständlich gibt es in der Kunst an sich kein Richtig und kein Falsch an sich, aber man sollte immer den Mut behalten das was man als Fehler empfindet auch zu korrigieren. Das bedeutet unter Umständen, ein bestehendes Bild das viel Zeit und Energie gekostet hat gänzlich zu zerstören und ein völlig  Neues zu erschaffen.

Das klingt nach Kritik und Opfer, die man erbringe muss. Kompliziert…

Man darf dabei nicht nach den Prinzipien der üblichen Ökonomie urteilen. Die Zeit,die man dabei an einer künstlerischen Aufgabe verbracht hat, kann einem sowieso nicht genommen werden. Was ich in diesem Prozess erfahren habe transformiere ich um, und manchmal reift ein Prozess  in mir erst einen Schritt später aus…. Manchmal nach Jahren.

Was würdest Du all den Menschen die sich für eine künstlerische Laufbahn entscheiden, und nicht von Deinem Unterricht persönlich profitieren können, gerne mitteilen?

Im Prinzip das Gleiche nur in Großbuchstaben geschrieben.

Verliert nie den Mut die Richtung zu wechseln, wenn Ihr merkt, dass Ihr eine Quelle im Grunde schon ausgeschöpft habt. Loslassen und umoriertieren – vermeidet Wiederholungen und seid stets offen für Neues und glaubt an euch und eure kreative Kraft.

Jeder von uns hat diesen schöpferischen Funken in sich -man muss ihn nur zum brennen bringen.

Das garantiert eine ewige lebendige Entwicklung,  falls man in diesem Zusammenhang von  irgendwelchen Garantien sprechen kann.

Aber von der Ewigkeit schon?

Viktoira lacht.

Danke für das Gespräch Viktoria.



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