Virginia Reiner


VIRGINIA REINER – EIN GESPRÄCH

Ich will Virginia Reiner schon lange dazu überreden, uns etwas über sich zu erzählen. Nun endlich ergab sich die Möglichkeit, für eine kleine, feine Unterhaltung.

Ivan: Virginia, du bist soweit ich weiß, nicht in Deutschland geboren?
Virginia: Richtig. Ich bin 1976 in San Juan geboren worden. Eine kleine Stadt am Fuße der Anden in Argentinien.

Dort habe ich allerdings nur mein erstes Lebensjahr verbracht, danach sind meine Eltern mit mir und meiner Schwester weggezogen und nur noch zu Besuch zurückgekehrt. Es ist allerdings immer der „Familienstammsitz“ geblieben und ist für mich eine Heimat, die ich spätestens jedes zweite Jahr besuche.

Ivan: Wie war deine Kindheit? Würdest du rückblickend sagen, dass du schon als Kind ein besonderes Interesse für die Malerei hegtest?

Virginia: Meine Kindheit war geprägt durch das Nomadenleben, das meine Eltern berufsbedingt geführt haben. Mein Vater war als Projektmanager bei einer internationalen Baufirma tätig und musste bei den Bauprojekten immer vor Ort sein.

Alle zwei bis drei Jahre wechselten wir unseren Wohnort – Venezuela, Misiones (Grenze Argentinien, Brasilien & Paraguay), Mexiko, Kolumbien, Buenos Aires, Österreich und schließlich dann Deutschland. Das waren unsere Stationen.

Es war eine Zeit der Entdeckungen und der Anpassung, immer neue Länder, neue Menschen, neue Kulturen, neue Schulkameraden und neue Freundschaften schließen. Damit war ich voll ausgelastet und es blieb wenig Raum für Kreatives.

Gemalt habe ich als Kind nicht. Meine ersten Bilder sind fotografisch entstanden, nachdem meine Eltern (mein Vater ist als Ingenieur sehr technikbegeistert) mir zu meinem 6. Geburtstag die erste Kompaktkamera von Kodak geschenkt haben.

Dieses Medium hat mir die Möglichkeit gegeben, meine eigene Sichtweise des Erlebten zu dokumentieren und ich fotografiere bis heute sehr viel, wenn auch mit einer anderen Ausrichtung als früher.

Ivan: Ich finde deine Fotos beeindruckend und bin froh, dass du sie regelmäßig auf unserer Kölner – Malschule Seite zeigst.

Aber ich bin dennoch erstaunt. Du hast also zuerst angefangen zu fotografieren und nicht zu zeichnen.

Virginia: Ich habe erst mit zehn Jahren angefangen zu zeichnen. Bei meinem ersten Zeichenversuchen hat mein Vater die Gelegenheit ergriffen, mir den Aufbau von Körpern durch geometrische Grundformen und Perspektiven beizubringen.

Das war für mich ein sehr wichtiger Schritt und von da an habe ich viel gezeichnet. Motive griff ich mir meist aus dem Alltag, der mich umgab. Später bekam ich ein Buch über menschlichen Proportionen und eine Gliederpuppe geschenkt, mit denen ich viel geübt habe.

Erst später auf dem Gymnasium in Österreich habe ich im Kunstunterricht zum ersten Mal gemalt.

Damals wollte ich unbedingt auf das Kunstgymnasium gehen (das gab es in Österreich!), was ich aber nicht durfte. Tja, und da war er dann – der Wunsch, zu malen, der mich nicht mehr verlassen hat.

Ivan: Wie ist es eigentlich in deiner Familie, gab es da andere Mitglieder mit einer künstlerischen Ader? Gab es Verständnis für deine künstlerischen Interessen?

Virginia: Es gab und gibt in meiner Familie schon einige. Mein Großvater väterlicherseits hat Holzschnitzereien gemacht, meine Tante mütterlicherseits malte sehr schöne Landschaftsaquarelle mit Anden-Motiven, meine Mutter hat jahrelang Musik gemacht (Gitarre und Gesang) und mein Vater ist ein sehr guter Zeichner.

Es gibt aber niemanden, der Kunst ernsthaft betrieben hätte – im Sinne eines Berufes. Alles Kreative wurde nicht weiter ernst genommen, sondern als „nettes Hobby“ belächelt, als „brotlos“ und unnütz abgetan. Es ging noch viel weiter bis hin zu: „Künstler sind doch alle verrückt!“ (lacht).“

„Etwas Vernünftiges machen“ – das stand immer im Vordergrund. So war auch lange die Resonanz auf mein künstlerisches Interesse, was  sich glücklicherweise mittlerweile geändert hat.

Der Besuch von Konzerten, Museen oder dem Theater standen nie auf dem Familienprogramm, da meine Eltern ganz andere Interessen hatten, wie z.B. Sport. (lacht) Aber das hatte auch was! Mit elf konnte ich bereits Windsurfen und das war 1987!

Aus diesem Grund habe ich das künstlerische Interesse auch nie wirklich als ernsthafte berufliche Option in Betracht gezogen, konnte es aber auch nicht ganz aufgeben .

Der Wunsch nach einem Kunststudium mündete in einem Designstudium, was anfänglich auch nicht für Begeisterung gesorgt hat. Nach dem Motto: Kann man damit überhaupt Geld verdienen? (lacht)

Ivan: Ivan: Was hat dich dazu gebracht, die Malschule aufzusuchen?
Virginia: Trotz des “kreativen Berufs” ist mein Wunsch, zu malen immer geblieben. Ein Kreativ-Dienstleister zu sein, ist ja bisweilen sehr frustrierend. Oft muss man Kompromisse machen.

Design ist eben keine Kunst, es muss funktionieren und einen Zweck erfüllen, es darf emotionalisieren, aber nicht aus Emotion heraus entstehen – mir fehlte wirklich ein Ausgleich dazu. Mir fehlte Kompromisslosigkeit, Intuition und einfach mal „Wild“ sein können. Zwecklos.

Ich habe über all die Jahre hinweg immer fotografiert. Aber das war es nicht, was ich wollte – jedenfalls nicht nur. Mehrere Anläufe, regelmäßig zu malen, scheiterten an Ausreden: „Es passt gerade nicht“, „Keine Zeit“.

Zudem wurde mir im Studium von meiner damaligen Professorin für freie Malerei „bescheinigt“, dass ich nicht malen kann (ich hatte die schlechteste Note im Kurs!), was nicht gerade förderlich war. (lacht)

Ivan:  Ja, es gibt immer wieder „Experten“ die gerne derlei Dinge bescheinigen. Gut, dass du darauf gepfiffen hast.
Virginia: Ja. Der Drang blieb. Pinsel und Farben übten eine magische Anziehungskraft auf mich aus und egal, wie sehr ich das unterdrückt habe, ich konnte mich dem nicht entziehen!

2007 – mit 31 Jahren – nach einer weiteren sehr großen Veränderung, stand ich mal wieder vor einem Neuanfang und damit auch vor der Frage:

Virginia, was möchtest du wirklich? Was willst du in deinem Leben haben und tun?
Meine inneren Stimme sagte zuerst: Mehr Kreativität in mein Leben lassen… und dann: Malen!!!
Danach kam: Aber ich kann das nicht!
Naja, was man nicht kann, muss man eben lernen, dachte ich.

Somit habe ich ein Wochenendworkshop gemacht und angefangen abends Zuhause mit Gouache zu malen und wieder mit Tusche zu zeichnen.

Nach etwa einem Jahr war ich frustriert, weil ich meine Bilder nicht mochte, ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr Anleitung brauche, mehr üben muss. Daher habe ich recherchiert, wo ich Malen lernen kann und bin auf die Kölner Malschule gestoßen, diemich unter all den unterschiedlichen Angeboten am meisten angesprochen hat.

Das erwies sich auch als richtig, spätestens, als Dieter Schlautmann mir nach dem zweistündigen Gespräch mit ihm ein „Blut, Schweiß und Tränen“-Programm verordnet hat.

Ivan: Wie hast du dich am Anfang in der Malschule gefühlt? Und wie fühlst du dich jetzt?

Virginia: Am Anfang war ich unglaublich unsicher. Ich fand meine Bilder schrecklich und die der anderen viel besser. Ich hielt an den Vorlagen und Aufgabestellungen fest wie ein Ertrinkender an einem Ast. Mit der Zeit und der Übung kam immer mehr Vertrauen und irgendwann wollte ich mehr: Ich wollte meine eigenen Themen entdecken.

Wenn man aber in diese Richtung geht, konfrontiert man sich selbst, mit den eigenen Konzepten – richtig und falsch, Schönheit und nicht zuletzt Selbstvertrauen! Anfänglich fand ich das wahnsinnig schwer. Ist ja auch nicht gemütlich! Aber bisher hat es sich gelohnt, mich dem zu stellen und konnte Vieles über mich selbst lernen und tue es immer noch.


In den Dozenten habe ich unglaublich gute Begleiter gefunden, die auf mich eingehen konnten und mir immer einen neuen „Trick“ oder Technik gezeigt haben, die mich zu dem geführt haben, was ich eigentlich machen wollte.

Zudem habe ich eine völlig neue Welt kennengelernt und gleichgesinnte Menschen. Alles Leute, die genau das tun, was ich auch tue: Etwas neues lernen und malen. Der Austausch untereinander ist eine absolute Bereicherung.

Heute fühle ich mich im Atelier Zuhause. Der Mittwochabend-Termin hat einen festen Platz in meinem Leben – auch wenn ich mittlerweile viel und gerne Zuhause male, möchte ich das Malen in der Malschule und die Menschen, mit denen ich mich dort austausche, nicht missen.

Ich habe jetzt eine neue Sichtweise auf meine Bilder und bin viel mutiger, habe Spaß am experimentieren – auch wenn ich manchmal feststecke und verkrampfe, habe ich gelernt, mit diesen Situationen umzugehen und sie zu nutzen.

Ivan: Welche Künstler sind  deine Inspiration?
Virginia: Als Maler haben mir Picasso, Jackson Pollock und Monet sehr imponiert. Schriftsteller, wie Jules Verne als Kind und heute sind es sehr unterschiedliche, die mich fesseln können.

Ich bin, um ehrlich zu sein, kein Fan von diesem und jenem. Ich schaue mich immer um und entdecke jeden Tag (im Internet) unglaublich tolle Kunst. In der Regel befasse ich mich weniger mit der Biografie der Künstler, sondern mit der Wirkung ihrer Arbeiten auf mich.

Wichtig ist für mich, berührt zu werden, egal in welcher Kunstform. Mich interessiert nicht, was gut ist, weil es andere sagen – ich habe auf den kleinsten Konzerten unbekannter Bands die schönsten Abende verbracht.

Ivan: Wie würdest du deine Arbeit beschreiben?

Virginia: Diese Frage ist die gemeinste von allen! Wie soll ich etwas verbal erfassen, das seinem Wesen nach nichts mit Worten zu tun hat?! Also ich versuche es:

– Bewegung, Licht, konkret und gleichzeitig auflösende bzw. sich verbindende Formen sind häufig Themen
– impulsiv, mutig, suchend – manchmal finde ich schnell, manchmal verkrampfe und verirre ich mich in vielen Schichten meines Bildes
– bunt und vielschichtig, wenn auch manchmal flächig
– kontrastreich – Farben oder helldunkel
– emotional, berührend und nicht gefällig – ich hoffe, polarisierend ohne provokativ zu sein

Ivan: Wie sieht deine künstlerische Agenda aus?

Virginia: Die ist ganz klar: Weitermachen, weitermachen, weitermachen!

Ich beschäftige mich sehr bewusst mit mir und den Prozessen beim Malen und finde es spannend, welch große Schritte ich in der kurzen Zeit von einem Jahr gemacht habe.

Weitere Themen entdecken – alles umrühren und schauen, was daraus entsteht. 🙂

Ivan: Wovon träumst du?
Virginia: Mehr physikalischen und zeitlichen Raum für die Malerei zu haben.

Überhaupt für künstlerisches Schaffen und Projekte. Ein eigenes Atelier in einer Ateliergemeinschaft.

Mein Sommer in einem Haus am Meer an der Normandie zu verbringen und den halben Tag schaffen und die andere Hälfte mit meinem Sohn die Welt entdecken.
Einmal nach Süd-Indien reisen – insgesamt gibt es noch viel zu entdecken.
Eines Tages mit meinem künstlerischem Schaffen andere Menschen zu bewegen – z.B. mit Kindern in der Onkologie zu malen.

Ivan: Gibt es irgendwelche Ausstellungen demnächst? Wo kann man deine Bilder außer in der Malschule oder auf Facebook sehen?

Virginia: Am 14. Januar 2012 ist die Vernissage zu einer 3monatigen
 Ausstellung  beim Friseursalon und Kunstraum Miriam Wolff.
 Ich freue mich sehr darauf!

Ivan: Deine Freunde aus der Malschule und ich sind dabei.
Virginia: Das ist toll!

Ivan: Vielen Dank und wir sehen uns wie immer im Mittwochkurs.
Virginia: (lacht) Worauf du wetten kannst.

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